Neue Leitungen braucht das Land

Die Energiewende ist beschlossene Sache. Jeder will sie, jedoch ist unklar, wie die Energiewende im Detail in Zukunft ausgestaltet werden soll. Eine erste Vorstellung hiervon liefert der Netzentwicklungsplan der vor kurzem von den vier Übertragungsnetzbetreibern Tennet, 50-Hertz, Amprion und EnBW vorgestellt worden ist.

Ein Schwerpunkt des Plans sind leistungsstarke Nord-Süd-Leitungen, um den Strom aus dem Norden und Nordosten Deutschlands in die verbraucherstarken Zentren in den Süden zu bringen.

Danach ist es notwendig, insgesamt 4000 Kilometer „Stromautobahnen“ zu optimieren. Darüber hinaus müssen 1700 Kilometer neue sogenannte HGÜ-Leitungen entstehen. Dieser Wert liegt allerdings deutlich unter den 3600 Kilometern, die die Deutsche Netzagentur (Dena) in ihrer Netzstudie veranschlagt hat. Allerdings zeichnet sich ab, dass überall dort, wo neue Freileitungen gebaut werden sollen, sich der Widerstand der Bürger regt. Zahlreiche Bürgerinitiativen, welche zum Teil auch von kommunalen Entscheidungsträgern unterstützt werden, bekämpfen die Projekte und sorgen für Jahre lange Verzögerung. Dabei befinden sich die Akteure häufig in einem Widerspruch. Gleichsam fordern alle die notwendige Energiewende, jedoch will sie niemand vor der eigenen Haustür umsetzen sehen.

Des Weiteren muss bedacht werden, dass bei der Aufstellung neuer Masten in Wäldern Flächen gerodet werden müssen, sowie zahlreiche andere Arbeiten durchgeführt werden, damit der Ausbau gelingen kann. Das bedeutet, dass auch wie schon bei zahlreichen anderen Großprojekten der Feldhamster oder eine Feldmaus den Bau neuer Trassen lange verzögern kann. Daran ändert auch der Netzentwicklungsplan nichts, da er das bestehende Umweltrecht und die vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsprüfungen nicht aushebelt. Auch der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat mit seinem jüngsten Grundsatzurteil klargestellt, dass Umweltverbände eine umfassende gerichtliche Kontrolle umweltrelevanter Projekte und Großvorhaben durchsetzen können. Damit steht zu befürchten, dass diese verbesserten Klagemöglichkeiten der Verbände sich auch zukünftig als Bremse für den Netzausbau auswirken könnten.

Doch wie kann diese riesige Herausforderung und nationaler Aufgabe für alle staatlichen Ebenen gemeistert werden, ohne dass die Akzeptanz der Bevölkerung verloren geht? Eine Möglichkeit könnte darin bestehen, weite Teile des geplanten Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungsnetzes (HGÜ) unterirdisch zu verlegen. Diese Technik, die bereits in China in großen Maßstab eingesetzt wird, ermöglicht es Strom in großen Mengen über weite Entfernungen mit deutlich geringeren Spannungsverlusten zu transportieren, als es mit den bisherigen Wechselstromleitungen der Fall ist. Nur unter der Erde statt über Land. Bisher ist geplant, einen Teil dieser Trassen entlang der bestehen Leitungen zu bauen. Allerdings gibt es hierzu nur wenige Erfahrungen und es ist unklar wie aufwendig eine Wartung parallel verlaufender Trassenleitungen sein wird. Auch Verzweigungen abseits der Trassen sind nur schwer möglich.

Die Erdverkabelung bietet zum einen die Möglichkeit, die Öffentlichkeit einfacher für neue Trassen zu gewinnen. So wird das Landschaftsbild weniger schwerwiegend beeinträchtigt. Beim Bau von Autobahnstrecken kann beispielsweise Erdverkabelung im Mittelstreifen vorgenommen werden, um Flächen zu schonen. Freileitungen sind zudem stärker den Einflüssen der Umwelt ausgesetzt (Blitz, Sturm, Eis, Schnee, Vögel) als Kabel. Auch dürften sich Genehmigungsverfahren durch die stärkere Akzeptanz in der Bevölkerung deutlich beschleunigen. Trassen für 380-kV-Leitungen müssen fünf bis sieben Mal breiter sein als Erdkabel. Eine Zerstückelung der Landschaft wird somit vermieden.

Die Netzbetreiber argumentieren an dieser Stelle mit erheblichen Kosten, die eine Erdverkabelung unwirtschaftlich machen. Investitionen von 20 Milliarden Euro sind bis 2022 für den Netzausbau vorgesehen. Zusätzlich müssen noch ca. 12 Milliarden Euro für den Anschluss der Windparks auf hoher See investiert werden. Betrachtet man diese Summe im Verhältnis zu den Gesamtkosten, die benötigt werden, um die Energiewende umzusetzen, betragen die Netzausbaukosten ca. fünf bis zehn Prozent der Gesamtkosten. Einzeln betrachtet wirken die Investitionskosten zwar hoch, gemessen an den jährlichen 14 Milliarden Euro, die für die Förderung erneuerbarer Energien ausgegeben werden erscheint diese Summe jedoch überschaubar. Ungeachtet dessen wird eine Nachfrage nach vermehrter Erdverkabelung auch zu deutlichen Preissenkungen führen. Berechnungen auf Basis einer geplanten 110-kV-Leitung im Haveland haben ergeben, dass bei einer geplanten Erdverkablung ein Mehrkostenfaktor von 1,93 entstehen würde. Die Mehrkosten, die auf den Endverbraucher durch eine Erdverkabelung von Höchstspannungsleitungen zukommen sind vergleichsweise moderat. Legt man die Zahlen einer Studie zugrunde, die 210 Kilometer Erdverkabelung mit einer 110-kV beinhaltet, dann ergibt sich pro Durchschnittshaushalt eine Erhöhung der Stromrechnung von ca. 12 Cent im Monat.

Betrachtet man die drohenden Widerstände, langwierige Genehmigungsverfahren eine bessere Netzsicherheit im Verhältnis zu den überschaubaren Mehrkosten, spricht vieles dafür, Hochspannung vieler Orts tief zu legen, um dem Ziel einer atomfreien Energieversorgung in Deutschland näher zu kommen.

Weitere Themen in diesem Bereich:

  • Werte schaffen.
  • Werte erhalten.
  • Bauen gestaltet Zukunft.